Als der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern München, Karl-Heinz Rummenigge, zurücktrat, schien alles für die Zukunft des Klubs geregelt zu sein. Hasan Salihamidžić agierte bereits als Sportvorstand, Oliver Kahn übernahm wie erwartet die Führung der AG. Mit großen Vorschusslorbeeren ausgestattet, machte sich der ehemalige Weltklasse-Torhüter an die Arbeit, um das Lebenswerk von Ex-Präsident Uli Hoeneß fortzuführen. Doch rund zwei Jahre später befindet sich der Deutsche Meister an einem Wendepunkt. Von der einstigen Dominanz ist nicht mehr viel zu sehen.
Die „Kahn-Erfindung” Julian Nagelsmann erwies sich als nicht treffsicher. Schon die erste Saison konnte die Hoffnungen der Anhänger nicht erfüllen. Schließlich hat der Verein zahlreiche Fans in ganz Deutschland, das gilt auch für Düren, wo man vor zwei Jahren die älteste Fußball-Holztribüne Deutschlands saniert hat. Zunächst schied der FC Bayern München mit der höchsten Niederlage der Vereinsgeschichte in der zweiten Runde des DFB-Pokals aus. In der UEFA-Champions League scheiterte die Mannschaft an dem sträflich unterschätzen FC Sevilla bereits im Viertelfinale.
Am Ende reichte es zum zehnten Meistertitel in Folge. Das kaschierte ein wenig die Probleme, die sich durch den Abgang von Torjäger Robert Lewandowski noch verschärfen sollten. In der aktuellen Saison kumulierten die Baustellen im Verein so lange, bis es krachte. Die sportliche unbefriedigende Situation des Vereins wird vor allem den beiden Spitzen Kahn und Salihamidžić angelastet. Doch nicht alle in der Branche sehen den weiteren Verlauf der Saison negativ.
Manche Experten sehen den 11. Titel in Folge kommen
Bei aller Kritik in der Öffentlichkeit haben die beiden Bayern-Bosse das Vertrauen einer speziellen Gruppe von Experten bisher nicht verloren. Dabei handelt es sich um die Buchmacher, also jene Berufsgruppe, die ausschließlich auf Fakten und weniger auf Emotionen setzt. Bei allen Hochs und Tiefs, die der Verein in diesem Jahr durchleben musste, konnte sich der FC Bayern München stets auf seine Favoritenrolle im Kampf um die Deutsche Meisterschaft verlassen. Ganz egal, ob gerade der SC Freiburg, Union Berlin oder gar Borussia Dortmund an der Tabellenspitze lagen, änderte dies nichts an der führenden Favoritenrolle, die dem Klub von den Buchmachern zugeschrieben wurde.
Selbst zuletzt, als der BVB dem Titelverteidiger immer näher rückte, hielten die Experten der Sportwetten-Branche an ihrer Einschätzung fest. Sie gingen in ihren FC Bayern Tipps vom ersten Tag an davon aus, dass es den Münchnern gelingen würde, den insgesamt elften Titel in Serie nach Hause zu holen. Daran hat sich auch in den letzten Tagen und Wochen nichts geändert, selbst als die Situation in München zu eskalieren drohte. Bisher hat sich diese Einschätzung bewahrheitet. Immerhin verfügt der Klub nicht nur über den größten und ausgeglichensten Kader, sondern auch über die umfangreichsten finanziellen Mittel und den eisernen Willen, trotz aller Hürden, den Titel zu verteidigen. Die Quoten der Buchmacher sprechen also dafür, dass Oliver Kahn und Hasan Salihamidžić zumindest das Minimalziel für diese Saison erreichen werden.
Kopf-an-Kopf-Rennen im Finale
Doch das wird ein Ritt auf der Husarenklinge. Schließlich war der BVB schon seit einem Jahrzehnt nicht mehr so kurz davor, den großen Konkurrenten aus München vom deutschen Fußballthron zu stoßen. Mehrere Chancen hat man bereits ausgelassen, die knappe Führung in der Tabelle wieder hergeschenkt. Doch der Kampfgeist ist noch nicht gebrochen, die Schwarz-Gelben sind wild entschlossen den FC Bayern München noch auf den letzten Metern abzufangen. Bei Fans werden da Erinnerungen an das Meisterschaftsfinale der Saison 2000/2001 wach. Damals gelang es dem FC Bayern München im Fernduell gegen Schalke 04, den schon verloren gegangen geglaubten Titel durch einen indirekten Freistoß in letzter Minute doch noch zu gewinnen. Es ist nicht auszuschließen, dass auch diesmal die Nerven einer Mannschaft einen Streich spielen und die Tabellenführung in letzter Minute wechselt. Das wäre dann allerdings das Ende der Ära Kahn.
Ein schweres Erbe
Dieser trat als Nachfolger von Karl-Heinz-Rummenigge ein schweres Erbe an. Der ehemalige Weltklasse-Stürmer hatte gemeinsam mit Präsident Uli Hoeneß den Verein zu einer Weltmarke gemacht. Davon abgesehen gilt der Klub als einziger Spitzenverein der Welt als finanziell gesund und ist nicht auf Finanzspritzen von Investoren aus dem Ausland angewiesen. Die Liste der Erfolge ist schier endlos, kein Wunder also, dass die Erwartungen in München an eine neue Saison nicht enden, wollend ist. Hier gilt mittlerweile schon das Double aus Meisterschaft und Pokalsieg als Mindestmaß an Erfolg.
Doch ausgerechnet als Oliver Kahn die Nachfolge antrat, schien die Serie zu reißen. Weder Trainer Julian Nagelsmann noch dessen blitzartig eingeführter Nachfolger Thomas Tuchel konnten bisher überzeugen, das macht den Vorstandsvorsitzenden angreifbar. Schon nach dem Rauswurf aus der UEFA-Champions League wackelte Kahns Sessel gewaltig, doch er könnte seinen Job noch einmal gerettet haben. Geht der Mission Titel jedoch schief, dann dürfte in München ein kompletter Umbruch bevorstehen.
Umbruch nach der Saison?
Schon jetzt scheint klar zu sein, dass es in dieser Form nicht weitergehen wird. Thomas Tuchel hatte bei seinem fliegenden Wechsel kaum die Möglichkeit, seine Vorstellungen umzusetzen. Das wird sich in der Sommerpause ändern. Schon jetzt scheinen zahlreiche Stars und Fehleinkäufe auf der Abschussliste zu stehen. Damit nicht genug, gibt es Gerüchte um einen bevorstehenden Wechsel von Thomas Müller. Das FC-Bayern-München-Urgestein kam zuletzt auf immer weniger Spielzeit, das kann dem geborenen Anführer Müller nicht gefallen.
Er selbst dementierte zwar zuletzt Transfergelüste, doch dabei muss es nicht bleiben. Sein Vertrag läuft noch ein Jahr, ein Abgang wäre ein schwerer Schlag für den Verein, der seit langem auf seine Führungs- und Integrationsfigur setzt. Die Top-Kandidaten für einen Transfer sind aus heutiger Sicht zweifellos Sadio Mané und Serge Gnabry. Sie enttäuschten in den letzten Wochen ganz besonders und sollen auf die Transferliste gesetzt werde. Doch auch das Engagement von Leroy Sané scheint zu wackeln, Marcel Sabitzer, der aktuell an Manchester United verliehen ist, dürfte wohl verkauft werden.
Damit würden nicht nur finanzielle Mittel frei, sondern auch eine personelle Neuaufstellung möglich. Unabhängig davon, ob es der FC Bayern München schafft, seinen elften Titel in Folge zu gewinnen oder nicht, die Zukunftsplanung hat bereits begonnen.